Ist es wirklich schon so lange her? Vorgestern hieß es im TV mal wieder: Bühne frei für Sarrazin und seine Gegner. Dieses Mal erhoffte sich die Maischberger höhere Einschaltquoten mit diesem Klassiker. Sarrazin. Inzwischen gab es WikiLeaks, Ir- und Griechenland und Stuttgart 21, Castor, den Frosteinbruch und Pikantes über Karl Gustav von Schweden. Nicht zu vergessen die Pleite von Arthur Abraham und Madrid gegen Barcelona.(Von Yorck Tomkyle)
Der Tross des politisch-medialen Komplexes ist weitergezogen seit Sarrazin. Immer auf der Suche nach neuen Sensationen, die das Publikum erregen und dessen Gunst erheischen sollen. In der medial aufbereiteten Welt von heute, in der die Sensation von heute der abgestandene Kaffee von morgen ist, sorgt die anschwellende Flut von Informationen für eine gewisse Abstumpfung beim Konsumenten, was wiederum die Sensations-Taktung und deren immer schrillere Aufbereitung unmittelbar beeinflusst.
Umso gespannter durfte man sein, was nun an neuen Argumenten in dieser unendlichen Diskussion auf den Tisch kam. Um es kurz zu machen: nichts. Die Sendung war diesbezüglich eigentlich nicht der Rede wert. Allerdings kann man sie auch zum Anlass nehmen, sich einmal ein paar grundsätzliche Gedanken über die Funktionsweise des politisch-medialen Komplexes zu machen.
Da ist zum Beispiel Jörg Schönenborn. Das Gesicht kennt man aus den Wahlsendungen, wo es dem Zuschauer bisher recht nüchtern Zahlen und Statistiken erklärt hatte. Schönenborn war anwesend in seiner Eigenschaft als WDR-Chefredakteur. Jeder weiß, der WDR ist als größte deutsche Rundfunkanstalt für seine ausgesprochene Linkslastigkeit bekannt.
Schönenborn erklärte dem Publikum beflissen und gewohnt nüchtern den Grund für den großen Zuspruch für Sarrazins Thesen: dieser Zuspruch sei mit diffuser Angst zu erklären, die insbesondere die schwächeren sozialen Schichten betreffe. Angst vor der Globalisierung, vor Instabilität, vor dem Fremden, vor wirtschaftlichem Abstieg – kurz: vor der Zukunft.
Cut.
Soso. Angst als Motiv. Da ist sie also wieder, die German Angst, mit der man alles erklären kann von Hitler bis Islamophobie. Und mit ihr der ängstliche Deutsche, der jetzt zunehmend auf die Straße geht, um seiner Angst Luft zu machen und der damit womöglich Dinge blockiert, die doch demokratisch beschlossen worden sind. Bis er dann wieder zum Hässlichen Deutschen wird.
Das geht nicht, denn der politisch-mediale Komplex weiß es besser. Es ist sozusagen seine Aufgabe, es besser zu wissen. Und deshalb muss man den ängstlichen Deutschen von seiner völlig irrationalen Angst befreien, bevor er hässlich wird. Denn davor hat wiederum der politisch-mediale Komplex Angst.
Man muß ihn an die Hand nehmen und besser erziehen, diesen Deutschen. Ihm die Angst nehmen, weil sie ja so unbegründet ist. Und weil man die Dinge selber als Angehöriger der politisch-medialen Kaste ja viel besser beurteilen kann als der (kleine) Mann auf der Straße.
Man muß ihn aufklären, was eigentlich doch nur ein anderes Wort für erziehen ist. Also erziehen wir ihn. Fangen wir zunächst damit an, dass wir ihm sagen, er sei sozial schwach und habe Angst. Wer will schon sozial schwach sein und Angst haben?
Dann lächeln wir – die politisch-medialen Erzieher – weg, dass wir selbst durch unser Verhalten Zustände herbeigeführt haben, bei denen es auch sozial Stärkeren Angst und Bange werden kann. Haben wir nicht euphorisch den Euro begrüßt und alle Kritiker mit Verleumdungen platt gemacht, damals, als wir dem Volk die irrationale Angst vor diesem Experiment nehmen wollten?!
Haben wir nicht jahrzehntelang Parteien beworben, deren oberstes Ziel es war, Deutschland abzuschaffen und in ein multikulturelles sozialistisches Paradies zu verwandeln?! Haben wir uns denn etwa nicht als Speerspitze dieser Schönen Neuen Welt gesehen?!
Das Tolle ist, dass uns keiner widersprechen kann. Außerdem vergessen die Leute ja eh recht schnell. Also ist es völlig wurscht, was wir gestern noch gesagt haben.
Andererseits sind wir die Angstverwalter. Nur wir bestimmen, wann Angst zu erzeugen ist, denn mit Angst lässt sich prima herrschen und Geld verdienen. Haben wir nicht dort Angst erzeugt, wo es nun wirklich nötig war – beim Klimawandel – und deswegen auch Berichte über massive Daten-Manipulationen der Klima-Wissenschaftler heruntergespielt?!
Und dann die Angst vor dem Hässlichen Deutschen – die geht immer weg wie warme Semmeln! Wo kommen wir da hin, wenn das Volk sich jetzt herausnimmt, selbst entscheiden zu wollen, wovor es Angst hat! Wir entscheiden das, denn wir wissen besser als die anderen, was gut für sie ist.
Cut.
Ja es ist schon erstaunlich: jede noch so kleine Organisationseinheit hat sich in den letzten Jahrzehnten mit ihrer Vergangenheit in der NS-Diktatur beschäftigt. Selbst die Ärzte und die Eisenbahner. Im Auswärtigen Amt will man jetzt ein Buch über die Braune Zeit im Auswärtigen Dienst zur Pflichtlektüre machen. Warum eigentlich hört man von den Medien so wenig Selbstkritisches über diese Zeit?
Man könnte ja mal darüber nachdenken, dass Hitler vielleicht nie an die Macht gekommen wäre, hätte er nicht große und kleine Verbündete bei den Medien gehabt – wie z.B. den Verlag M. DuMont Schauberg mit seiner Kölnischen Illustrierten Zeitung (Foto), Vorgänger des heutigen Kölner Stadt-Anzeigers -, die eifrig die Trommel für ihn geschlagen haben. Somit wäre der mediale Komplex womöglich als besonders belastet einzustufen und man müsste sich fragen, wie man denn heute verhindern könnte, dass er das Volk nochmals in die falsche Richtung erzieht.
Zumindest sollte man als Vertreter dieses Komplexes aufgrund dieser geschichtlichen Erfahrungen vielleicht etwas weniger herablassend über die Öffentliche Meinung urteilen. Und man sollte sich vielleicht auch mal darüber Gedanken machen, ob man nicht lieber informiert statt zu erziehen. Erziehen ist doch eigentlich eher was für totalitäre Staaten, oder Herr Schönenborn?
Aber das Volk, lieber Herr Schönenborn, hat keine Angst. Es hat Sorgen. Sorgen, die man ernst nehmen sollte, statt das Volk dafür zu diffamieren. Sorgen, deren Ursachen durch den politisch-medialen Komplex herbeigeführt wurden – und dies, wie im Falle der Massen-Unterschicht-Einwanderung, durchaus nicht ausreichend demokratisch legitimiert. Sorgen, deren Lösung es den Vertretern dieses Komplexes mit Recht zunehmend weniger zutraut.
Diese Sorgen haben durch jahrzehntelanges Versagen Ihrer Kaste nun eine Dimension angenommen, der man entweder nur noch mit immer repressiveren Erziehungsmethoden begegnen kann – oder mit der Lösung dieser Probleme. Aber dies, und das ist die größte Sorge des Volkes, ist dem gegenwärtigen Personal beim besten Willen nicht zuzutrauen.
Lieber Herr Schönenborn, es ist vielleicht an der Zeit, dass das Volk den politisch-medialen Komplex erzieht. Und deswegen, nur deswegen, geht es immer öfter auf die Straße.
Cut.
Ein Post Scriptum für Prof. Christian Pfeiffer, den allgegenwärtigen Ex-SPD-Justizminister von Niedersachen und Bedrohungsexperten – sozusagen Bock und Gärtner in Personalunion: In oben genannter illustrer Maischberger-Runde schüttelte er einmal mehr „gesicherte“ statistische Daten aus dem Handgelenk.
Dieses Mal erklärte er als Multitasking-Bildungsexperte, dass muslimische Schüler in den nördlichen Bundesländern viel häufiger Abitur machten als in den südlichen und pries dies als „Integrationsmaschine Schule“ an.
Herr Pfeiffer, auch in diesem Falle ist das Volk ein wenig schlauer als Sie. Im Allgemeinen sehen nur einige Exoten (von denen es dort, wo Sie sind, leider zu viele gibt) die Aufgabe einer Schule in der Integration von zugewanderten Ausländern. Die große Mehrheit des Volkes sieht in der Schule in erster und zweiter Linie eine Bildungseinrichtung, deren BILDUNGS-Qualität vor allem auch unserem Land zugute kommt.
Die Tatsache, dass die nördlichen Bundesländer auf dem Weg, der Integration den Vorzug vor der Bildung auf Kosten der einheimischen Kinder zu geben, ein ganzes Stück weiter sind als die südlichen, ist dem Volk bestens bekannt. Es fragt sich nur, ob man dies bei gleichzeitiger Betrachtung des Nord-Süd-Gefälles der Bildungsunterschiede tatsächlich als Erfolg werten sollte. Gut möglich, dass das Volk auch vor solchen „Experten“, die das tun, Angst hat.
Es ist wahrlich an der Zeit, das Monopol der Angstverwalter zu brechen.