In einem lesenswerten, allerdings ein wenig kurz geratenen Kommentar befasst sich Rainer Haubrich mit den Inhalten der niederländischen Partei für die Freiheit. Haubrich, der sich ganz offensichtlich die Berliner Rede Wilders zu Gemüte geführt hat, stellt klar, dass die Reaktionen der Eliten auf Wilders aus der affektiven und nicht aus der intellektuellen Auseinandersetzung entspringt. Der Autor fragt sich berechtigterweise, wie man behaupten könne, Wilders, der in der Berliner Rede Nazi-Deutschland als das Reich des Bösen bezeichnete, als Nazi abtun könne.

Auch andere politischen Sichtweisen Wilders und auch die unter anderem auf dessen Drängen zustande gekommene künftige niederländische Regierungspolitik scheinen es dem Redakteur des Springer-Blattes angetan zu haben. Dabei macht er auch auf den wichtigsten Aspekt überhaupt aufmerksam: Das niederländische Volk goutiert die Politik, wie sie nun in dem Koalitionsvertrag angekündigt wurde.

Doch – insbesondere – die deutschen Mainstream-Medien wollen sich gerade nicht mit den Inhalten einer freiheitlichen Politik befassen, die eine einmal errungene Liberalität mit Zähnen und Klauen verteidigt und deshalb unter anderem nun erstmals laut Koalitionsvertrag die Emanzipation Homosexueller als politisches Ziel beschreibt. Eine Politik also, die erkannt hat, wer die ersten Opfer einer im 7. Jahrhundert entstammenden Ideologie zu werden drohen, soweit sie diese nicht schon sind und diesen deshalb zur Seite steht und damit für jeden das Recht auf ein selbstgewähltes und – verantwortetes Leben verteidigt und ermöglicht. Dabei muss man an der Seite derjenigen stehen, deren Lebensstil durch eine mittelalterliches moralinsaures Gesellschaftsbild (als erstes) bedroht wird.

Doch die MSM befassen sich über weite Strecken hinweg lieber damit, welche Zuschreibungen sie für Wilders und Stadtkewitz verwenden sollen, um eine inhaltliche Debatte vermeiden zu können. Wer sich für die Freiheit des Individuums aussprechen möchte und gleichzeitig die Anerkennung des Islam als mit einem humanen Menschenbild beziehungsweise mit einer freien Gesellschaft für versöhnbar erachten möchte, sieht sich in einem Zielkonflikt gefangen. Wer als MSM-Redakteur möchte sich dessen schmerzlich erinnert sehen? So ist es leichter, diejenigen zu Aussätzigen der Gesellschaft zu erklären, die diesen Konflikt abstreifen, indem sie sich für die Freiheit entscheiden.

Daher ist der Schrecken umso größer, wenn die zu unberührbar Erklärten im Volk Anklang finden, weil sie die Lebenswirklichkeit der Menschen besser beschreiben als diejenigen, die den Konflikt dadurch zu bewältigen suchen, indem sie die „Freiheit ein Kopftuch zu tragen“ wildentschlossen verteidigen.

So ist Haubrich zuzustimmen ist, wenn er feststellt:

Die Probleme in den Niederlanden sind dramatischer als in Deutschland. Wir sollten uns besser informieren, anstatt unseren Nachbarn wohlfeile Ratschläge zu erteilen.

Es kommt nur noch darauf an, zu definieren, was unter „uns besser informieren“ zu verstehen ist. Sollte dieser Appell sich ausschließlich auf die Situation in den Niederlanden beziehen, so wäre es wohl zu kurz gesprungen. Die Anregung zur Informationsbeschaffung sollte man am besten so verstehen, dass man sich mit dem Grundkonflikt auseinander setzt. Dieser besteht in der Unversöhnlichkeit des islamischen Dogmas mit dem Gesellschaftsbild des humanistisch geprägten Westens.

Zugegenermaßen ist es (zunächst) leichter in Umkehrung der Realität denjenigen zum „Hassprediger“ zu erklären, der die Unvereinbarkeit beider Gesellschaftsbilder aufzeigt. Doch gleichzeitig ist es schwieriger. Schließlich muss man denjenigen zum Fundamentalisten erklären, der die Humanität verteidigt, um sich durch diese Einordnung anderer der Auseinandersetzung mit dem Dogma des Islam entziehen zu können. Wer sich nicht weiter intellektuell lächerlich machen will, sollte dem Beispiel Haubrichs folgen und sich mit den Inhalten auseinander setzen – so er denn noch gehört werden will.