Geert Wilders und René Stadtkewitz am 2.10.2010 in Berlin.  Mit einem sehr guten Teleskop vermag man weit ins Weltall und damit auch in die Vergangenheit zu blicken. Wollte man in die – politische – Zukunft dieses Landes sehen, so muss man nach Ansicht des WELT-Redakteurs Rainer Haubrich lediglich mit dem unvoreingenommenen Auge in die Niederlande blicken, wie er in einem hellsichtigen Kommentar deutlich macht.

Auszüge des WELT-Artikels:

Die Niederländer haben sich schon lange von den Illusionen eines naiven Multikulturalismus verabschiedet. Das neue Kabinett setzt Zeichen.

[…]

Deutsche Kommentatoren sind wütend. Sogar die Bundeskanzlerin ist ein bisschen wütend, auch wenn sie ihre Kritik an der Duldungsvereinbarung mit Wilders in diplomatischere Worte kleidete. Das kam in den Niederlanden nicht gut an, weil man sich nur ungern von Deutschen moralisch belehren lässt. Auch fiel die CDU-Vorsitzende ihrem Kollegen Maxime Verhagen, dem Chef der niederländischen Christdemokraten, just in dem Moment in den Rücken, als dieser in seiner Partei für das Tolerierungsmodell warb.

Regierungssprecher Steffen Seibert verkündete gar, dass die große Mehrheit der Deutschen die Ideen eines Geert Wilders ablehne. Abgesehen davon, dass es Merkels Sprecher gar nicht zusteht, für alle Deutschen zu sprechen, ist seine Aussage auch fragwürdig. Denn parallel zur Regierungsbildung in Den Haag debattierte Deutschland über Thilo Sarrazin, die Rede des Bundespräsidenten und über die Rolle des Islam in westlichen Gesellschaften. Und Umfragen förderten ein Meinungsbild in der deutschen Bevölkerung zutage, das dem der Niederländer durchaus ähnelt.

In unserem Nachbarland, wo der Anteil der Muslime deutlich höher ist als hierzulande, wurde diese Debatte schon vor zehn Jahren geführt. Sie begann mit dem Aufstieg Pim Fortuyns, der auf die Bedrohung westlicher Freiheiten durch den Islam hinwies.

Das Fanal war die bestialische Hinrichtung des Filmemachers Theo van Gogh im Jahre 2004 durch einen in den Niederlanden geborenen Marokkaner, der als gut integriert galt. In der einst liberalen Stadt Amsterdam nahm die Gewalt von Muslimen gegen Juden derart zu, dass die Polizei überlegte, Beamte in Zivil mit Kippa als „Lockvögel“ auf die Straße zu schicken. Das konnte nicht ohne politische Folgen bleiben.

Nach und nach verabschiedeten sich die Niederländer von den Illusionen eines naiven Multikulturalismus, und sie räumten auch andere Ideen des sozialdemokratischen Zeitalters ab, die sich als überholt oder unbezahlbar erwiesen haben. Und fast alle niederländischen Parteien änderten ihren Standpunkt.

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Die Niederländer stehen mehrheitlich hinter dem Konsolidierungsprogramm der neuen Regierung. Besorgt sind sie nicht. Also sollte es auch der Rest Europas nicht sein. Wenn wir den Holländern in diesen Tagen Post schicken, müsste der Slogan heißen: „Liebe Nachbarn, viel Glück!“

(Foto oben: Geert Wilders und René Stadtkewitz am 2.10.2010 in Berlin)