Psychiater und Buchautor Manfred Lütz   In einem lesenswerten Interview kommt der Psychiater und Buchautor Manfred Lütz (Foto) bei Welt-Online zu Wort, und offenbart dabei eine interessante Sichtweise auf die Geschehnisse rund um Thilo Sarrazin. Der wiederum hat in der jüngsten Neuauflage seines Buches umstrittene Passagen abgeändert, und bestätigt damit indirekt, wovor Manfred Lütz unsere Gesellschaft warnt: Die Tyrannei der Political Correctness.

(Kommentar von Frank Furter)

“Irre – Wir behandeln die Falschen: Unser Problem sind die Normalen”, so heißt das Buch von Manfred Lütz, seines Zeichens Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, katholischer Theologe und Schriftsteller. Alleine für den Buchtitel würde man ihm am liebsten auf die Schulter klopfen! Denn gerade dem geneigten PI-Leser ist ebendiese Erkenntnis nur allzugut vertraut: wirklich irre sind doch meistens die, die sich selber für die Aller-Normalsten halten.

Daher wundert es kaum, dass Lütz im Zuge des Interviews auch auf Thilo Sarrazin zu sprechen kommt; und damit auf jemanden, der es gewagt hat, sich gegen die Poltical Correctness zu erheben, und über den die „Normalen“ hergefallen sind, davon überzeugt, er müsse „irre“ sein.

WELT ONLINE: Sie sprechen in letzter Zeit gern von der „Tyrannei der Normalität“. Klingt gut, aber das meinen Sie doch nicht im Ernst?

Manfred Lütz: Und ob ich das ernst meine! Das hat sich ja gerade wieder am Fall Sarazzin gezeigt. Ich habe sein Buch nicht gelesen. Den Rezensionen habe ich nur entnommen, dass es da einige problematische Aspekte zu geben scheint. Aber dass aus so einem Buch gleich eine Staatsaffäre gemacht wird und jemand, der immerhin als Politiker auf einen Posten berufen worden ist, seinen Job verliert, weil er sich öffentlich unliebsam äußert, das zeigt uns Deutsche als Musterschüler der Political Correctness. Nicht nur unsere Nachbarn schütteln darüber den Kopf. Das ist die Tyrannei der so genannten Normalität, und sie wird immer tyrannischer.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass sich Manfred Lütz kaum zu den Inhalten Sarrazins äussert. Vielleicht stimmt er ihm zu, vielleicht auch nicht. Es scheint da „problematische Aspekte“ zu geben – nun denn! Doch Lütz geht es viel mehr um die Art und Weise, wie hier mit der berechtigten Meinungsäußerung eines verdienten Politikers umgegangen wurde. Die offensichtliche Methode, mit der die unliebsamen Aussagen im Keim erstickt und ihr Verfasser mundtot gemacht werden sollte, zeugt von einer geradezu verkümmerten politischen Kultur in diesem Lande. Auf die Frage, ob das nicht schon immer so gewesen sei, erwidert Lütz:

Eben nicht. Der Philosoph Robert Spaemann erinnert ungern, doch oft daran, dass man sich in den als spießig verschrieenen 50er Jahren sehr viel freier äußern konnte als heute. Das ist leider nicht sehr gesund für den öffentlichen Diskurs. Reden von Politikern werden fast nur noch darauf abgesucht, ob der Mann auch bitte gesagt hat, was er sagen musste und um Gottes willen nicht gesagt hat, was er nicht sagen durfte. Politikmüdigkeit wird bei dieser Entwicklung manchmal schon fast ein Zeichen guten Geschmacks.

Ob man sich in den 50er-Jahren wirklich freier äußern konnte als heute, vermag schwer zu beweisen oder zu widerlegen sein. Naheliegend ist, dass es Sachverhalte gibt, die seinerzeit tabuisiert wurden. Verschwiegen wird aber gerne, dass es heute andere Aspekte sind, die genauso tabuisiert werden. Und dabei handelt es sich nur allzuoft um gewichtige politische Themenkomplexe: den Umgang mit dem Islam zum Beispiel, und damit verbunden die Probleme bei der Integration. Wer sich hierzu einer unliebsamen Meinung erdreistet, landet schnurstraks auf dem Scheiterhaufen des Politisch Ungewollten. Gleiches droht jedem, der es wagt, die geltende Lehrmeinung zu Erderwärmung und Klimawandel zu hinterfragen, oder den ausufernden staatlichen Fürsorgeapparat zu kritisieren.

Spätestens dann ist klar, wer die geistigen Urheber dieser Tabuisierungen sind: es sind jene, die einst aufbrachen, im Zuge ihrer Kulturrevolution eine freiere Gesellschaft zu schaffen. Jene, die sich Linke oder 68er nannten. Tatsächlich führte ihr Streben nach Freiheit ins genaue Gegenteil: so wie der Sozialismus in der Realität eines der unfreiheitlichsten aller Systeme ist, so wurde die Freiheitsbewegung der 68er von damals zum Nährboden für die ideologischen Scheuklappen von heute. Unlängst haben sich religiös anmutende Dogmen entwickelt, Axiome des vermeintlich Guten, so unumstößlich und erhaben, dass selbst Logik und Vernunft nicht mehr dazu taugen, an ihren Grundsätzen zu rütteln.

Keiner kann das besser bezeugen als Thilo Sarrazin. Er, seines Zeichens SPD-Mitglied, und wohl einer der einzigen verbliebenen echten Sozialdemokraten, von der Sorge getrieben, dass die Grundlagen sozialer Demokratie angesichts offenkundiger demografischer Fehlentwicklungen essentiell bedroht sind, nahm es auf sich, gegen die Dogmas der 68er zu Felde zu ziehen. Was er erntete, war Zuspruch vom Volk. Dem jedoch stand eine politische Hexenjagd gegenüber, die quer durch alle Parteien reichte, und in dieser Form in der Geschichte der Bundesrepublik wahrlich ihresgleichen sucht. Dabei hatte er nicht ein rechtsradikales Buch geschrieben. Er hatte nicht zu Massenausweisung aufgerufen, und schon gar nicht zu Massenvernichtung. Er hatte nicht für die Abschaffung der Demokratie argumentiert, sondern im Gegenteil seine Sorge um ihren Erhalt kundgetan. Er hatte nicht in Menschen erster und zweiter Klasse unterteilt, und die Überlegenheit einer Rasse (oder Glaubensgruppe) gepredigt. Er hatte lediglich aufgezeigt, was falsch läuft bei der Integration. Und bei wem. Und warum. Und wohin das führen könnte. Mehr nicht.

Dennoch hat sich Thilo Sarrazin entschieden, Änderungen an der jüngsten Auflage seines Buches vorzunehmen. Dabei handele es sich um „keine inhaltlichen Korrekturen“, so Sarrazin gegenüber der FAZ, die ihn an diesem Dienstag in einem Interview zu Wort kommen lässt. Auf FAZ.net war dazu vorab zu lesen:

Als Grund für die Streichung nannte Sarrazin, Medien hätten ihn zu der Deutung drängen wollen, Muslime seien dümmer. „Das ist natürlich Quatsch“, sagte Sarrazin.

Quatsch? Ist es das wirklich? Oder wird hier jemand genötigt, etwas „Quatsch“ zu nennen, was viele Menschen in diesem Lande als ihre Lebenserfahrung bezeichnen würden? Sicherlich wäre zu diskutieren, was man denn generell unter „dumm“ versteht und was unter „dümmer“. Vielleicht hätte man aber wirklich in den “spießigen” 50er-Jahren offen und ehrlich sagen dürfen, dass ein Volk, das 1400 Jahre lang einen signifikanten Teil seiner kognitiven Fähigkeiten darauf verwendet hat, einen Haufen frühmittelalterlicher Imperative auswendig zu lernen, das sich zudem vielerorts verboten hat, Bilder zu malen und Dinge zu zeichnen, und Bücher zu schreiben über irgendetwas anderes als seinen von bedenklicher Moral gesegneten Propheten – dass ein solches Volk doch allzuklug nicht sein kann; schon gar nicht, wenn es sich bis in die Neuzeit hinein jeglicher Aufklärung und Vernunft verweigert.

Das mag überspitzt sein, und freilich nicht auf alle zutreffen; schon gar nicht darf eine solche Überlegung dazu missbraucht werden, den Wert eines Menschen – gleich welchem Kulturkreis er angehört – herabzusetzen. Doch lehrt uns die Biologie tagein tagaus, nicht nur im Labor oder im Naturfilm, sondern auch in unser aller Leben, dass Fähigkeiten erlernt und entwickelt werden müssen. Und sie lehrt uns, dass Umwelteinflüsse, die über Generationen hinweg wirken, zu Anpassungen im Genom führen. Das ist bei Insekten so und bei Reptilien, bei Hunden, bei Schweinen, bei Affen und bei Menschen! Bei Moslems etwa nicht?

Ist es denn politisch unkorrekt, festzustellen, dass Eisbären, die am Nordpol leben, weiß sind, und Braunbären, die in Russland leben, braun? Ist es denn politisch unkorrekt, festzustellen, dass Menschen, die in tropischen Regionen leben, dunklere Haut entwickelt haben, als jene, die in nördlicheren Regionen leben? Ist es denn politisch unkorrekt, festzustellen, dass Menschen im asiatischen Raum andersgeformte Augen entwickelt haben als Menschen in Südamerika? Ist es denn politisch unkorrekt, festzustellen, dass Farbige, insbesondere Schwarzafrikaner, offensichtlich bessere genetische Vorraussetzungen entwickelt haben, um Höchstleistungen z.B. im Laufsport zu erreichen, als jene, die man gemeinhin Weiße nennt? Und ist es denn politisch unkorrekt, festzustellen, dass all das einzig und allein in der Genetik begründet ist?

Und wenn es politisch unkorrekt ist – es ist trotzdem richtig! Weil die Natur so ist, wie sie ist, ob es den Linken passt, oder nicht! Und es ist schon von einer ganz besonderen Ironie, dass gerade jene, die so tun, als seien sie der Natur ach-so-sehr verbunden, doch offensichtlich mit der wahren Gestalt der Natur auf ideologischem Kriegsfuss sind! Doch nur weil etwas tabuisiert wird, ist es noch lange nicht falsch. Und dafür ist das folgende Beispiel, dass auf FAZ.net zur Sprache kommt, wohl der herausragende Beleg:

Sarrazin hat in der 14. Auflage seines Buches, dessen Manuskript er im September überarbeitete, unter anderem den Satz herausgestrichen: „So spielen bei Migranten aus dem Nahen Osten auch genetische Belastungen – bedingt durch die dort übliche Heirat zwischen Verwandten – eine erhebliche Rolle und sorgen für einen überdurchschnittlichen Anteil an verschiedenen Erbkrankheiten.“

Hier wird offensichtlich, was Dr. Lütz mit der Tyrannei des Normalen, der Tyrannei der Political Correctness, meint. Wenn selbst grundlegende und hinlänglich bewiesene Erkenntnisse der Molekulargenetik nicht mehr ausgesprochen werden dürfen aus Angst, eine wissensfeindliche und von dümmlicher Ideologie verblendete linke Kaste könne dies als Vorwand nehmen, ihre heißgeliebte Brandrede vom „Rassismus“ abzulassen, dann, spätestens dann, ist offensichtlich, dass hier eine geistige Tyrannei am Werke ist, die mit den Grundsätzen unserer Verfassung, dem Recht auf freie Meinungsäußerung, in keinster Weise mehr vereinbar ist.

Hinsichtlich dessen, was Thilo Sarrazin im Zuge seiner Buchveröffentlichung über sich ergehen lassen musste, kann man es ihm nur schwer verübeln, dass er nun Teile seines Buches entschärft. Peinlich ist das zwar schon, was hier passiert! Aber nicht für Thilo Sarrazin – sondern für unsere Gesellschaft, die einen solchen Druck ausübt, dass tatsächlich die Wahrheit selbst unter die Räder kommt, sobald sie es nur wagt, der feinen Moral des politischen Establishments zu widersprechen.

Irre! Wir behandeln die Normalen falsch, und sperren sie weg. Und die Irren selber haben längst das Sagen.

Autor: Manfred Lütz
Verlag: Gütersloher Verlagshaus
Erschienen: 2009
ISBN: 978-3-579-06879-4
Seitenzahl: 185 Seiten
Gebundene Ausgabe EUR 17,95
Video zum Buch